Exzellentes Entsorgungswesen als Muss in der Supply Chain

Supply Chain

Während Supply Chain Strategien bislang vorwiegend die Optimierung der Kundenerreichung als wesentliches Ziel hatten und die Läger, die aufgrund ihrer hohen Automatisierungsgrade die Aufmerksamkeit der Fachjournale und der Logistik-Fachleute auf sich zogen, im wesentlichen nur auslieferungsoptimiert waren, bildete das Entsorgungswesen einen rudimentäreren Teil der Supply Chain.

Inzwischen ist das Entsorgungswesen ein Muss im Supply Chain Management. Wir sollten dabei den Begriff „Entsorgung“ allerdings über den naheliegenden Gedanken an Müll erweitern und in 4 Grundstrukturen definieren:

  • Entsorgung von Müll
  • Zuführung von Wertstoffen zur Wiederverwendung
  • Rückführung von Mehrweggebinden
  • Das Retourenmanagement

Entsorgung von Müll

Wir sind uns sicher alle einig, dass Müll nicht grundsätzlich vermeidbar ist. Aber unter umweltorientierten Gesichtspunkten hat die Vermeidung von Müll erste Priorität. Es gilt bereits bei der Gestaltung der Verpackung nicht wiederverwendbare Materialien zu vermeiden. Dabei müssen die technischen Anforderungen der Warensicherung bei der Auslieferung berücksichtigt werden. Hierfür gibt es häufig Alternativen zu Einweglösungen.

Die Strukturen der Müllentsorgung sind auch in der Richtung zu optimieren, dass an den Quellen des Müllaufkommens sichergestellt wird, dass keine Wertstoffe im Müll landen. In dieser Beziehung sind von der Abfallwirtschaft erhebliche Anstrengungen unternommen worden, die Prozesse zu optimieren und eine effektive Supply Chain für die Entsorgung zu realisieren. Jedoch steht am Ende der Entsorgungs Supply Chain heute meist die energetische Verwertung des Mülls (Verbrennen). Sie scheint im Augenblick die sinnvollste Lösung (z.B. vor der Deponierung) zu sein. Zum Thema Klimaschutz trägt das aber sicher nicht bei.

Zuführung von Wertstoffen zur Wiederverwertung (Second Life)

Pappe und Papier, in den verschiedensten Ausprägungen, sind mit die beliebtesten Warenschützer beim Transport in der Supply Chain. Diese Wertstoffe werden von der herstellenden Industrie gern mit Mehrweg-Attributen belegt und ausserdem als „natürlich nachwachsender Rohstoff“ bezeichnet. Aber die Aufwendungen, den Wertstoff mit einem Second Life wieder zum Einsatz zu bringen, sind enorm und führen häufig nur zum „downcyceln“. Festzustellen ist jedoch, dass die Papierindustrie eine jahrzehntelange Erfahrung aufgebaut hat und dementsprechend ihre Supply Chain der Rückführung optimiert hat.

Nach der früher nur üblichen Entsorgung in Grossbetrieben wie Stationär- und Versandhandel sind heute in Mittel-Europa auch alle Haushalte in diese Entsorgungs Supply Chain eingebunden und haben Zugriff auf Entsorgungssysteme.

Beim Einweg von Plastikflaschen gehen ja Österreich und Deutschland unterschiedliche Wege. Pfand auf Einweg-Plastikflaschen sorgt zwar in Deutschland für eine halbwegs geordnete Entsorgung der Einwegflaschen zur Verwertung, verwirrt aber die Verbraucher, da es Mehrweg-Vorteile vortäuscht. Auch hier ist im wesentlichen das „Second Life“ des Rohstoffs in Form von downgecycelten Produkten zu beobachten. Eine klare Kennzeichnung der Einwegflaschen und damit Differenzierung zu Mehrweg ist eine Forderung unserer Stiftung und war Gegenstand der Diskussionen zur letzten Novellierung der VVO in Deutschland.

Rückführung von Mehrweggebinden

Der Einsatz von Mehrweg als Primär- und Transportverpackung (z.B. Glasflaschen, Mehrwegsteigen) ist ökologisch sinnvoll, erfordert aber neben der Versorgungslogistik eine gut organisierte Supply Chain / Rückführ-Logistik.nDie Einigung der beteiligten Wirtschaftszweige auf gewisse Standards statt Individuallösungen verbessert die Effizienz der Rückführlogistik und den Wiedereinsatz der Mehrweggebinde.

Hier sind deutliche ökologische und Kostenvorteile gegenüber Einweg zu erzielen, sofern man die logistischen Prozesse professionell steuert.

Hinweis: Der Logistikverbund Mehrweg (LMW) unter dem Dach der GS1 Austria ist eine ideale Plattform für alle interessierten Wirtschaftszweige, um Standards für Mehrweglösungen zu schaffen (aktuelles Mehrwegtray für Bier), sowohl auf der Produktseite und im physischen Management als auch dem optimierten Datenverkehr in der Entsorgungs Supply Chain.

Ein schlechtes Beispiel für das, was wir gerade im LMW auf dem Tisch haben: Eine GTIN, mit der in den EAN Com Nachrichten alle Typen von Pfandflaschen mit Pfandwert 8 Cent abgebildet werden. Somit ist keine Optimierung der sortenreinen Rückführlogistik über die elektronischen Bestände möglich.

Retourenmanagement

Zu Zeiten, als der klassische Versandhandel ohne Internet seine Geschäfte betrieb, waren Retouren ein sehr kritisches Thema. Eine Retoure war quasi eine Kundenbeschwerde über Qualität oder Nichtgefallen von bestellter Ware. Als der OTTO Versand mit Hermes die Rückholung von Retouren für die Kunden vereinfachte, also die Entsorgunglogistik für die retournierenden Kunden vereinfachte, brachte das zusätzlichen Umsatz. Aber die Retourenquote stieg auch dramatisch. Ich habe selbst erfahren, was es  heisst, plötzlichbei 15 % Retourenquote zu liegen, ein Wert, über den man heute glücklich wäre.

Das Geschäftsmodell des Online-Handels hat hier einiges geändert. Bestellungen als „Auswahlsendungen“ sind Konzeptbestandteil und generieren damit per se  Retouren.

Das Supply Chain Management muss daher die Entsorgung der Retouren beim Kunden beherrschen genauso wie die Fähigkeit, diese Retouren schnell wieder den Lagerbeständen zuzuführen, d.h. das Bestandsmanagement zu optimieren. Hier mischen sich logistische mit waren-dispositiven Aufgaben. Die Umweltbelastung durch zusätzliche Lieferverkehre will ich hier lieber nicht beleuchten.

Die vier von mir definierten Grundstrukturen prägen das Entsorgungswesen in der Supply Chain. Und damit ist m.E. auch die Frage zu beantworten, warum ein exzellentes Entsorgungswesen ein Muss im Supply Chain Management ist.

GGE/11.05.2018


Günter Gerland ist Logistikmanager, der aufgrund seiner bereichsübergreifenden Erfahrungen in den Bereichen Sales, Finance, Controlling, Organisation und Marketing nicht nur logistische Aufgabenstellungen der täglichen Praxis löst, sondern allgemeine strategische Zielsetzungen entwickelt und erfolgreich umsetzt. Seine Kompetenz stützt sich auf Führungspositionen im Versandhandel, im Lebensmittel-Einzelhandel sowie auf Geschäftsführungsfunktionen von Poolorganisationen. Sie erreichen ihn über Mail g.gerland@braintrust-group.de; Tel.: +49 (0) 171 61 44 55 2;