Wie der Wahnsinn die Arbeitswelt bestimmt

by in Human Resources, "ImPuls des Tages"

Wahnsinn der Abeitswelt

Die renommierte Topmanagement-Beraterin und ehemalige Vorständin Heidi Stopper hat jede Facette des Wahnsinns selbst erlebt – das kommt davon, wenn man 20 Jahre in Führungspositionen arbeitet. Menschen kommen in ihren Rollen in der Arbeit zusammen, dazu bilden sich weitere informelle Rollen aus. Das macht die Beziehungen im Job so komplex. Es sind ja nie die operativen Dinge, die uns Leidensdruck verschaffen – es sind meist die zwischenmenschlichen Themen, die uns quälen. Der Kollege, der einem das Leben schwer macht, eine Kollegin, die ständig querschießt, ein Chef, der die Aufgaben an mehrere MitarbeiterInnen parallel vergibt. Viele ihrer KlientInnen aus dem Topmanagement leiden unter Schlaflosigkeit. Mit dem Thema Machtpolitik tun sich alle schwer, nicht nur die Frauen, auch die Männer. Für Frauen gibt es allerdings einige Spezifika. Inhalte eines Interviews von herCAREER mit Heide Stopper erfahren Sie im Folgenden:

Was war das lehrreichste und vielleicht auch schockierendste Erlebnis für Sie persönlich?

Zu Beginn meiner Karriere bin ich davon ausgegangen, dass sich die Arbeitswelt um sachliche Themen dreht. Viele Frauen sind unglaublich fleißig und glänzen auf der Sachebene. Und wundern sich, wenn ein Mann befördert wird. Ich habe allerdings rasch kapiert, dass die weit entscheidendere Ebene die Beziehungsebene samt ihren Machtstrukturen ist. Ich musste das früh lernen und hab mir des Öfteren eine blutige Nase geholt.

Was sind typische machtpolitische Stolpersteine für Frauen in Führungspositionen?

Für beide Geschlechter gilt: der größte Stolperstein ist, den Fokus zu sehr auf die Sache legen. Ein weiterer, der Irrglaube, dass alle wollen, dass man seine vorgegebenen Ziele erreicht. Doch ganz viele Kollegen im Unternehmen wollen das nicht. Sie wollen lieber selbst glänzen oder die Erreichung meiner Ziele verschlechtert möglicherweise ihre Position. Man muss ständig Stakeholder-Management betreiben und zwischen Sach- und Beziehungsebene hin und her wechseln. Frauen machen leider häufig den Fehler, dass sie unangenehme Situationen zu persönlich nehmen. Das führt sie in eine Abwärtsspirale der persönlichen Betroffenheit und Aufgeriebenheit, aus der sie oft nur schwer wieder herauskommen. Kritik muss aber keine persönlichen Gründe haben.

Wie kann man die Machtpolitik durchschauen, wenn man neu ins Unternehmen eintritt?

Ich empfehle, schon zu Anfang möglichst viele Gespräche zu führen – und nicht nur über fachliche Herausforderungen und Ziele, sondern auch zur Beziehungsebene konkrete Fragen zu stellen: was sind die Do’s und Dont’s, was muss ich tun, um befördert zu werden und was, um entlassen zu werden? Was sind Fettnäpfchen, wer sind die einflussreichsten Leute im Unternehmen? Man muss früh die Beziehungsebene neben der Sachebene im Auge haben. Dann sollte man die eigene Abteilung sehr gut kennenlernen, aber auch über die Abteilungsgrenzen ein Netzwerk aufbauen. Mit Menschen in anderen Abteilungen Mittagessen gehen, rausfinden wie andere Teile des Unternehmens ticken und welche Interessen sie haben. Das hilft, den Blick aufs größere Ganze weg vom eigenen Hamsterrad zu lenken.

Das Doublebind-Dilemma besagt: Frauen in Führungspositionen werden tendenziell negativ bewertet. Zu wenig durchsetzungsfähig, zu dominant, zu sexy, zu unweiblich. Kennen Sie das? Wie sollten Frauen darauf reagieren?

Frauen werden anders bewertet, von Männern, aber auch von Frauen. Davon sollten sie sich nicht abschrecken lassen. Mir persönlich ist es so nicht begegnet, ich bin sehr durchsetzungsstark und habe viele Konflikte für mich entschieden – allerdings ohne Brechstange. Wenn man Dinge bewegen möchte, muss man sich an den entscheidenden Punkten durchsetzen können. Ich habe früh analysiert, wen kann ich wofür gewinnen, wen kann ich einsetzen, dass er andere für mich gewinnt. Man muss nicht alles selbst machen.

Frauen hätten als sozialeres, emotionaleres Geschlecht bessere Führungsqualitäten. Haben sie dadurch Vorteile?

Vorteile… das weiß ich nicht. Emotionen sind immer da, die kann man positiv für sich und andere nutzen. Das können wir Frauen in der Regel ganz gut. Die Männer sind aber genauso emotional, es zeigt sich bei ihnen nur anders. Bei Frauen wird Emotionalität tatsächlich häufiger als Totschlagargument benutzt. Dann heißt es: du bist zu emotional. Dem würde ich entgegnen: Das ist doch gut. Analysen zeigen, emotionale Führungskräfte sind die besseren Chefs.

Gibt es dennoch Themen, die Frauen mehr zu schaffen machen?

Für viele Menschen ist das Thema Macht schwierig. Uns Frauen wird vermittelt, dass Frauen und Macht nicht zusammenpassen. Die Gefahr gehört zur Macht wie der Schatten zum Licht. Jeder Einzelne, ob Mann oder Frau, muss sich gut überlegen, wie er oder sie zur Macht steht. Viele haben mehr Macht, als sie sich vorstellen können. Ein erster Schritt kann sein, sich die Machtstrukturen im Unternehmen bewusst zu machen. Machtstrukturen gibt es im Übrigen ja auch im Privatleben, in der Beziehung, im Freundeskreis. Wenn man lernt, sie zu durchschauen und Abstand zu nehmen und nicht alles persönlich zu nehmen, – das kann man tatsächlich üben, – dann tut man sich privat und im Unternehmen leichter. Man spart sich auch viel Zeit. Die Macht positiv zu nutzen, ist sehr wichtig.

Was verstehen Sie unter Stakeholder-Management?

Das ist die charmante Formulierung, wie man in Konstellationen mit unterschiedlichsten Persönlichkeiten und Interessenlagen sein Thema auf die Straße bringt. Je mehr man das übt, desto eher kann man auch große Positionen besetzen. Viele Frauen scheuen die Auseinandersetzung und tun sich in politischer Sache oft schwer, weil sie es unangenehm finden. Sie schieben es dann zur Seite, und das ist das Dümmste, was man tun kann. Schlauer ist es, die Spielregeln zu durchschauen und bewusst die eigenen Themen zu setzen. Wenn wir in unserer Karriere nicht weiter kommen, ist das ein systembedingtes Problem, aber auch ein selbstgeneriertes. Wenn wir nicht zeigen, dass wir für nächste Position geeignet sind, dass wir strategisch denken und Stakeholder-Management betreiben können, wenn wir in der Fleißfalle hängen bleiben, werden wir in der Regel eben nicht befördert. Ich habe KlientInnen im Coaching, die sich in Projekte reingekniet haben, wo am Ende ein Mächtiger reingrätscht und alles wird gestoppt. Das ist dann ein Zeichen, dass sie zu sehr auf der Sachebene unterwegs waren. Natürlich haben wir ein schräges System, das die Ausgangsbasis für Frauen erschwert. Doch wir Frauen können auch das System von innen verändern.

Frauen wurden lange von männlichen Netzwerken und Seilschaften ausgeschlossen. Worauf müssen sie achten, wenn sie als einzige in den männerdominierten Vorstand kommen?

Frauen müssen sich weit davor schon auf diese Rolle vorbereiten und lernen, sich in Vorstandsgremien richtig zu verhalten. Ich war immer die einzige Frau in den Gremien. Wenn man aus einer Minderheitsposition im Raum Stärke entwickeln soll, muss man das schon früh auf der Karriereleiter üben.

Sollte man Konflikte ansprechen, wenn man etwa als einzige Frau im Vorstand in eine unangenehme Situation gerät, ausgebootet oder übergangen wird?

Ansprechen ist meist nicht das Richtige. Erstmal würde ich versuchen, die Situation aus allen Perspektiven heraus zu verstehen. Meist haben wir nur unsere eigene Interpretation zur Verfügung. Also wichtig ist: sich rausnehmen und wie die beiden Alten bei der Muppet-Show von oben auf die Bühne schauen: wer spielt gerade welche Rolle in diesem Theaterstück, warum agieren die Protagonisten so. Und Fragen stellen: Was erzählt der Vorstandskollege seiner Frau zuhause, was die Mitarbeiterin ihrem Mann, was er oder sie mit mir in der Arbeit erlebt hat? Warum schläft der andere schlecht, was könnte ich tun, damit es ihm besser geht? Ganz häufig benehmen sich andere nicht per se daneben, weil sie furchtbare Menschen sind – sondern weil sie auch ihre eigenen Interpretationen haben.

Wie löst Frau dann den Konflikt?

Hat man den Auslöser und versteht die Interpretation des anderen, kann man häufig die richtige Maßnahme setzen: den anderen positiv aussehen lassen, ihn einbeziehen. Manchmal ist man jemandem in die Parade gefahren, ohne es zu merken. Er schießt dann zurück, dann beginnt ein destruktives Pingpong. Ich kann stattdessen auch sagen: Ich bin dir unabsichtlich auf die Füße getreten, das tut mir leid. Dann nimmt man dem anderen viel Wind aus den Segeln und sich selbst aus dem Kriegsschauplatz heraus.

Welchen Tipp haben Sie für Frauen zum Abschluss noch?

Wenn man das Gefühl hat, man hat eine ungute Situation in der Arbeit erlebt, mit Kollegen, Chefs, oder Kunden, ist es das einzig Richtige, daran zu arbeiten. Damit nimmt man sich selbst die persönliche Betroffenheit, kommt in die Handlung und erlangt so die Freude an der Arbeit wieder zurück. Wenn ich eines mit Erstaunen gelernt habe, dann das: Nicht die Vernunft bestimmt die Arbeitswelt, sondern die Emotion. Auch bei Männern. Es ist wichtig, Emotionen nicht beiseite zu schieben, sondern sich genauso damit auseinanderzusetzen wie mit den fachlichen Themen.


H.Stopper

Die renommierte Topmanagement- und Karriereberaterin Heidi Stopper kann auf eine langjährige Führungskarriere unter anderem als Personal-Vorständin bei der ProSieben Sat1 Medien AG und als Vice President Human Resources für EADS Astrium Satellites zurückblicken. Im Jahr 2006 gründete sie ihre Consulting-Firma Stopper Coaching und Beratung. Zu ihren KlientInnen zählen hochrangige Executives und Vorstandsmitglieder.

One response to “Wie der Wahnsinn die Arbeitswelt bestimmt

  1. Großartig! Vielen Dank für den Beitrag – wir freuen uns riesig, dass Heidi Stopper auf der herCAREER 2019 in München am 10.10.2019 mit dabei ist. Sie wird einen Vortrag zum Thema “Wahnsinn Firmenpolitik – wie du sie für dich optimal nutzen kannst” halten. Seid dabei!

    Tickets zur herCAREER 2019 gibt’s hier: http://www.her-career.com/tickets⠀⠀⠀⠀⠀
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