Rating im Internet. Der neue Bewertungskult

by in "ImPuls des Tages"

Bewertungskult

Ob auf Reisen, im Restaurant, bei der Arzt-Wahl, bei der Selektion vonRechtsanwälten, beim Online-Einkauf oder bei der Partnersuche: Jeder bewertet jeden. Das bringt alle auf Trab und zwingt sie, einen guten Eindruck zu machen.

Der Bewertungskult grassiert. Er fordert uns alle und lädt zum Mitmachen ein. Bürgerämter, Bahnhöfe oder Flughäfen mit Bewertungsterminals, auf denen Smileys abgebildet sind, Mitarbeiter, die sich wechselseitigen Bewertungen unterziehen, Arbeitnehmer, die ihre Firmen bewerten, Hotels, die unentwegt Zufriedenheiten erfragen, eine schier uferlose Zahl an Online-Bewertungsportalen – all dies sind untrügliche Zeichen dafür, dass sich ein neuer Kult der Bewertung herausgebildet hat. Überall sind wir gefragt, Dinge, Personen oder Leistungen zu bewerten, Sternchen zu vergeben, für gemachte Erfahrungen Noten auszustellen.

Machtverschiebungen im Beziehungsgeflecht

Der Bewertungskult hat erhebliche Machtverschiebungen im Beziehungsgeflecht von Dienstleistern und Kunden, Lehrern und Schülern, öffentlichen Einrichtungen und Bürgern, Unternehmen und Mitarbeitern, Patienten und Ärzten zur Folge.

Betroffene dieser Machtverschiebungen, die durch gefälschte oder unreflektierte Bewertungen benachteiligt werden, fühlen sich oft hilflos. Die Sicherung der Online-Reputation wird für z.B. für Dienstleister wie Ärzte, Rechtsanwälte, aber auch für Unternehmen im Rahmen ihres Mitarbeiter-Recruitings, immer wichtiger. Eine aktive Beschäftigung mit den Bewertungen hilft hier weiter: Der erste Schritt besteht aus der Sichtung aller vorhandenen Bewertungen. Durch schnelle Reaktion auf neue Reviews und die aktive Bitte um Bewertungen von zufriedenen „Kunden“ kann der neue Bewertungskult letztendlich als Mittel zur positiven Außendarstellung genutzt werden.

Der Bewertungskult hat erhebliche Machtverschiebungen im Beziehungsgeflecht von Dienstleistern und Kunden, Lehrern und Schülern, öffentlichen Einrichtungen und Bürgern, Unternehmen und Mitarbeitern, Patienten und Ärzten zur Folge.

Der neue Quantifizierungskult

Der neue Quantifizierungskult, der »Zahlenrausch«, wie es einmal an anderer Stelle genannt wurde, ist in engem Zusammenhang mit der Digitalisierung zu sehen, die sich in ganz unterschiedlichen Lebensbereichen manifestiert und diese radikal restrukturiert. Die vielfältigen Daten, die wir produzieren und die fortwährend gespeichert werden,erzeugen einen immer größeren digitalen Schatten, manchmal mit unserem Einverständnis, oft auch ohnedieses. In der Welt von Big Data sind Informationen über Nutzer, Bürger oder einfach nur Menschen derRohstoff, aus dem sich Gewinn schlagen lässt. Daher ist es nicht verwunderlich, dass sich die Informationsökonomie zu einer Krake entwickelt hat, die nicht nur massenhaft Daten einzieht, sondern diese mithilfe von Algorithmen auswertet und für vielfältige Zwecke bereitstellt. Dabei geht es stets darum, Unterscheidungen zu treffen –  zu codieren – mit einschneidenden Folgen für Prozesse der Klassifikation und der Statuszuweisung.

Wenn Sie tiefer in die Thematik einsteigen möchten, empfehlen wir Ihnen das Buch „Das metrische Wir. Über die Quantifizierung des Sozialen“ von Steffen Mau, erschienen im Suhrkamp-Verlag.