Nur 10 Prozent nutzen alle Dimensionen der Digitalisierung geschickt für sich

by in "ImPuls des Tages", Unternehmensführung

Digitalisierung

Nur eine kleine Minderheit deutscher Unternehmen setzt konsequent auf die Digitalisierung. Das zeigt eine exklusive Befragung von Vorständen aus DAX und Mittelstand durch die globale Unternehmensberatung Kearney. Dabei sind die Gründe für das Zögern vielfältig, liegen aber oft in den Firmen selber.

“Es gibt nicht den einen Grund, warum ein Unternehmen zurückhaltend bei der Digitalisierung ist, doch in den meisten Fällen fehlen Visionen und eine Gesamtstrategie“, fasst Dr. Martin Eisenhut, Kearney Partner und Managing Director Deutschland, Österreich und Schweiz die wichtigsten Ergebnisse zusammen.

In insgesamt 165 Tiefeninterviews mit Vorstandsmitgliedern aus dem deutschen Mittelstand und DAX fragte Kearney gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Managementforschung im Frühjahr 2020 nach Gründen, warum es bei der Digitalisierung hakt oder warum sie sogar scheitert. Im Sommer 2020 wurden die Ergebnisse in 50 weiteren Stichprobeninterviews auf mögliche Einflüsse der Corona-Krise hin aktualisiert.

Jenseits einer Minderheit von unter 10 Prozent, die alle Dimensionen der Digitalisierung geschickt für sich ausnutzt, kristallisieren sich fünf Typen von Unternehmen heraus, bei denen dies nicht der Fall ist, auch wenn die Gründe dafür unterschiedlich sind.

Risikokscheue Standard-Digitalisierer

Mit 34 Prozent stellen “risikoscheue Standard-Digitalisierer” die größte Einzelgruppe. Ihr Problem: Sie verfolgen schlicht keine klare digitale Vision und setzen die digitalen Maßnahmen meist erst dann um, wenn andere es auch tun. Ihnen fehlt eine Digitalkultur und die etablierte, zentrale Struktur ist ein zusätzliches Hindernis. Eisenhut hält dies für fatal: “Viele Vorstände haben oft noch das Gefühl, dass es reicht, im Mainstream mitzuschwimmen. Im digitalen Zeitalter gewinnen aber die, die vor der Welle schwimmen und das erfordert manchmal auch Mut.”

Nicht-disruptive Digitalisierer

Mit 28 Prozent bilden die “nicht disruptiven Digitalisierer” die zweitgrößte Gruppe. Zu ihr zählen Unternehmen, die ein durchaus erfolgreiches, nicht digitales Geschäftsmodell betreiben – auch in der Krise. Sie zögern daher, ein neuartiges Geschäftsmodell zu schaffen, dass das traditionelle Modell bedrohen könnte. Nach Ansicht Eisenhuts haben sie durchaus eine digitale Kultur entwickelt und setzen klar priorisierte Digitalmaßnahmen. “Ihre große Gefahr ist jedoch, dass der inkrementelle Weg zum Mantra wird und sie den Moment verpassen, an dem radikale Schritte gefragt sind.”

Ambitioniert Digital-Getriebene

Gut gemeint ist nicht unbedingt gut gemacht, könnte das Motto der “ambitionierten Digital-Getriebenen” sein. Ihnen fehlte bereits vor dem Ausbruch der Pandemie eine echte Digitalvision und eine ebenso nachhaltige digitale Führung. Sie machen 15 Prozent der Befragten aus und leiden häufig darunter, dass ständig neue Initiativen des Vorstands oder des Aufsichtsrats die digitale Ausrichtung verändern. “Die uneinheitliche Wahrnehmung der durch die Krise noch schneller veränderten Kundenbedürfnisse und die Technologiedynamik führen in einer unkoordinierten, dezentralen Struktur trotz großer Anstrengungen zu einer fehlenden Priorisierung der einzelnen Digitalmaßnahmen. Darunter leider insbesondere die Umsetzungskompetenz”, erklärt Eisenhut.

Digital Klagende und ewiggestrige Digital-Verweigerer

Zu guter Letzt kristallisierten sich die beiden Gruppen der “Digital-Klagenden” (10 Prozent) und der “ewiggestrigen Digital-Verweigerer” (3 Prozent) heraus, die zusammen immerhin 13 Prozent ausmachen. Zu ihnen gehören Unternehmen, die es wegen schlechter technologischer, rechtlicher und wirtschaftlicher Bedingungen für schlicht unmöglich halten, digitale Chancen zu ergreifen. Manche halten die Digitalisierung gar für einen überbewerteten Hype. “Schaut man auf die am häufigsten genannten Gründe, warum Unternehmen die Digitalisierung nicht energisch genug vorantreiben, dann spiegelt sich dort eine besorgniserregende Tendenz wider: Die Angst, Fehler zu machen, überdeckt die Chancen, die sich in der Digitalisierung bieten”, sagt Martin Eisenhut. “Angst ist aber kein guter Ratgeber. In diesem Jahrzehnt gewinnen die, die mutig sind und machen.”

ots