Wie Kreativität in unserem Gehirn entsteht

by in "ImPuls des Tages", Personal Growth

Wie Kreativität entsteht

Sätze wie „Sei doch mal kreativ!“ oder „Lass Dir etwas einfallen!“ hat sich vermutlich jeder schon einmal anhören müssen – sei es von Freunden, Kollegen oder sogar dem Vorgesetzten. Meist fällt es dann noch schwerer, diese Aufforderung in die Tat umzusetzen. Doch wie entsteht überhaupt Kreativität? Ist innovatives Denken erlernbar und wie sieht eine kreativitätsfördernde Arbeitswelt aus? Ein Interview mit dem Hirnforschungsexperten Henning Beck.

Wie entstehen Kreativität, innovatives Denken und neue Ideen im Gehirn?

Beck: Kreativität ist ein Wechselspiel zwischen Konzentration und Abschweifen. Jede gute Idee beginnt mit Schmerz, dass man sich über etwas aufregt, dass man unzufrieden ist. Wenn wir uns auf ein nerviges Problem konzentrieren, sind vor allem Hirnbereiche unseres Kontrollnetzwerks (im Stirnbereich) aktiv. Doch erst, wenn man von dem Problem einen Schritt zurücktritt, die Gedanken schweifen lässt, kommt man auf ungewöhnliche Lösungen. Das liegt daran, dass genau bei diesen nicht-konzentrierten Arbeitsphasen das Gehirn andere Hirnregionen aktiviert, die neue Sinneseindrücke kombinieren und abseitige Gedankengänge entwickeln. Das Kontrollnetzwerk verwirft anschließend die meisten dieser Gedanken wieder – doch einige werden auch so angepasst, dass man das Problem neuartig lösen kann.

Gute Ideen bekommt man oft an ganz ungewöhnlichen Orten oder in Alltagssituationen ein. Woran liegt das?

Beck: Wenn ich Menschen frage, wo ihnen gute Ideen kommen, ist unter den Top 3 immer: die Dusche, gefolgt vom Autofahren, Sport machen oder Routinetätigkeiten. Das liegt daran, dass man bei solchen Abläufen nicht mehr konzentriert nachdenkt. Man duscht so vor sich hin und das Gehirn geht auf gedankliche Wanderschaft. Man spricht in der Wissenschaft tatsächlich vom „mind wandering“, dem gedanklichen Umherschweifen – ein bisschen der Gegenentwurf zu Achtsamkeit und mindfulness, bei der man die Gedanken konzentriert. Genau dieses Abschweifen ist jedoch wichtig, um Hirnregionen zu aktivieren, die sich überlegen „Was wäre, wenn?“, die neue Hypothesen aufstellen oder abseitige Gedankengänge entwickeln.

Was fördert Kreativität und unsere Inspirationskraft?

Beck: Man muss den Mut zur Pause haben (um die Gedanken schweifen zu lassen). Man muss sich selbst provozieren und hinterfragen: „Was ist, wenn es doch ganz anders ist?“ Wir werden in unserer Medienwelt darauf trainiert, uns zu bestätigen, nicht darauf, dass wir uns selbst auf die Probe stellen. Facebook, YouTube, Google und Amazon präsentieren uns das, was am besten zu uns passen soll, nicht das, was abwegig ist. So endet man in einer Ideensackgasse. Außerdem muss man das größte Hemmnis für neue Ideen attackieren: dass Menschen nämlich Angst vor Ideen haben (man könnte sich schließlich lächerlich machen). Wir fordern zwar alle die kreativen Querdenker, vergessen aber oft: Das sind die Menschen, die anecken und unbequem sind. Genau deswegen muss man Leute ermutigen, etwas auszuprobieren. Auch auf die Gefahr hin, dass es falsch ist. Denn wenn man immer nur effizient und fehlerfrei arbeitet, ist man am Ende so leistungsfähig wie ein monokultiviertes Maisfeld: Super gut, wenn alles gleich bleibt, schnell kaputt, wenn sich eine Kleinigkeit ändert.

Kann man lernen „auf Knopfdruck“ kreativ zu sein?

Beck: Nein, man kann nicht einfach den magischen Schalter im Kopf umlegen und dann die neuen Ideen sprudeln lassen. Genau dieses Wunschdenken missversteht genau das Wesen von Kreativität: Ideen kann man eben nicht am Fließband produzieren. Jeder, der diesen Kreativitätsknopf sucht, wird erst recht unkreativ. Erst wenn man sich von diesem Denken löst, kommt man auf gute Ideen. Es ist gar nicht schwer: Sich erst mit einem Problem so intensiv beschäftigen, bis es wirklich nervt. Anschließend von dem Problem zurücktreten. Und dann den Moment nicht verpassen, in dem wir einen neuen Gedankengang entwickeln. Das widerspricht unserem Wunsch nach Zielstrebigkeit. Doch je mehr man auf eine Idee zielt, desto weniger wird man sie treffen.

Warum sind manche Menschen kreativer als andere?

Beck: Es ist ein populärer Mythos, dass Kinder kreativer sind als Erwachsene. Kinder sind phantasievoll und probieren viel aus. Aber Phantasie ist keine Kreativität, denn sie ist erstmal nicht problemlösend. Die besten Ideen bauen hingegen immer auch auf viel Vorwissen auf. Die kreativsten Köpfe der Geschichte, Erfinder, Wissenschaftler, Unternehmer, Künstler, waren Experten auf ihrem Gebiet. Es sieht am Ende so aus, als käme eine Idee aus heiterem Himmel. Das ist falsch. Es ist mehr, wie Louis Pasteur gesagt hat: „Der Zufall trifft den vorbereiteten Geist.“ Kreativität ist also keine Frage der Begabung, des Geschlechts oder des Alters, sondern des Mutes. Unkreative Menschen sind meistens nicht weniger einfallsreich, meistens trauen sie sich einfach nicht, ihre Idee auszusprechen. Wenn man das jahrelang macht, trainiert man sich dieses freche Denken ab.

Was können Unternehmen machen, um Kreativität und innovative Lösungsansätze zu fördern?

Beck: Es ist vor allem wichtig, Begegnungsmöglichkeiten zu schaffen, um den abteilungsübergreifenden Austausch zu fördern. Man muss Leute fragen, die sich nicht mit einem Problem auskennen. Ich habe noch nie ein Projekt gesehen, dass nicht vom Beitrag eines Nicht-Experten profitiert hätte. Die Naiven stellen nämlich die Fragen, die man sich sonst nicht mehr zu fragen traut. Außerdem muss man die Möglichkeit schaffen, eine neue Idee schnell auszuprobieren und zu testen. Nur dadurch kann man Feedback sammeln und die Idee weiter ausbrüten. Denn ob sich eine Idee durchsetzt oder nicht, hängt nicht von demjenigen ab, der die Idee entwickelte, sondern vom Markt und der Kundschaft. Ansonsten über-entwickelt man Ideen, die nie erfolgreich sind wie das Bildtelefon oder eine Datenbrille.

Wie sieht eine gehirngerechte und kreativitätsfördernde Arbeitswelt aus?

Beck: Wie ein mittelalterliches Kloster: Es gibt einen Klostergarten, in dem man sich entspannen und nichts tun kann (Stichwort „mind wandering“). Drumherum liegt ein Kreuzgang, sprich der Raum für Begegnungen und Austausch. Und davon zweigen dann die Schreibstuben ab, in denen man sich konzentrieren kann. Der Austausch mit anderen ist nämlich wichtig, doch wenn man fragt, wo Menschen neue Ideen entwickeln, dann sind sie oft alleine. Ob im Denken oder im räumlichen Umfeld: Entscheidend ist immer die Balance zwischen Konzentration, Austausch und Entspannung.

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Henning eck

 

Henning Beck studierte Biochemie und promovierte in Neurowissenschaften. Er publiziert regelmäßig im GEO-Magazin über die neuesten Trends der Hirnforschung und in der WirtschaftsWoche über die Mechanismen unseres Gehirns im Arbeitsleben. Kürzlich erschien sein neuestes Buch “Das neue Lernen – heißt Verstehen“.