Die Menschen auf der Suche nach dem Sinn

by in "ImPuls des Tages"

Suche nach dem Sinn

Die Sehnsucht der Menschen nach Sinn in der Arbeit ist groß. Jeder von uns ist als einzigartiges Individuum mit einem mächtigen Gestaltungswillen geboren worden, um ein Leben voller Sinn zu führen – und nicht, um ein fremdbestimmtes Rädchen im Getriebe der Unternehmen zu sein.

Der Kampf um die besten Talente wird nicht nur durch Geld entschieden, sondern immer mehr auch durch Sinn. Diese Grundeinstellung befruchtet inzwischen den kompletten Arbeitsmarkt. Zunehmend wünschen sich die Menschen, dass alles Berufliche zu einem bereichernden und in hohem Maße befriedigenden Teil ihres Lebens wird.

Sinn und das damit verbundene Glückserleben entstehen, wenn befähigte Mitarbeiter möglichst konkrete Arbeiten erledigen können, bei denen sie sich als wesentlich erleben und das Gefühl haben, gebraucht zu werden. Hierzu benötigen sie immer wieder neue Aufgaben – seien es andersartige oder schwierigere – um sich diesen mit Kreativität, Konzentration und Hingabe eigenverantwortlich widmen zu können.

Sie brauchen dabei mehr oder weniger hohe, vor allem aber sinnvolle Ziele und eine Rückmeldung über die Qualität ihrer Arbeit. So macht man sich mit Neuland vertraut – und aus Unbekanntem wird schließlich Bekanntes. Dies gibt uns die wohltuende Sicherheit, eine Situation zu beherrschen. Ein weiteres Plus: Woran man selbst beteiligt ist, das unterstützt man mit Engagement und Zielstrebigkeit. Ich nenne das den „Mein-Baby-Effekt“.

Wie Sinn unsere Leistungsfähigkeit steigert

Wir Menschen sind beseelt von dem Wunsch, einen Beitrag zu leisten und fürchten die Vorstellung, ein bedeutungsloses Leben gelebt zu haben. Es gibt uns Genugtuung, uns auf eine im Rahmen unserer Fähigkeiten liegende Art und Weise weiterentwickeln zu können.

Ohne sinnvolle Herausforderungen hätten wir keine Möglichkeit, uns zu bewähren, auf uns stolz zu sein und die so wertvolle wie notwendige Aufmerksamkeit und Anerkennung unserer Mitmenschen zu erlangen. Unsere Motivation wird hochgeschaltet, wenn wir uns um eine Sache verdient machen können. Zu diesem Zweck ist unser Gehirn mit zwei Belohnungszentren ausgestattet: Eines für die Vorfreude und eines für die Nachfreude.

Die Vorfreude drückt sich in Verlangen aus. Sie gibt uns den Antrieb, ein begehrenswertes Ziel tatsächlich erreichen zu wollen. Das zweite Belohnungszentrum versorgt uns mit Hochgefühlen nach erfolgreich vollbrachter Tat. Bei jedem Lernerfolg zersteubt es Dopamin: das Freudentaumel-Hormon. Dopamin bringt die Synapsen in Schwung und lässt die Neuronen tanzen. Das Leistungsvermögen steigt dadurch um bis zu hundert Prozent.

Die Evolution belohnt uns immer dann, wenn wir uns als wertvolles Mitglied einer Gruppe zeigen, wenn wir Wertstiftendes tun und dabei unsere Sache möglichst immer noch ein wenig besser machen. Der Lohn dafür ist eine mächtige Droge: das Glücksgefühl, über sich selbst hinausgewachsen zu sein. Dies gilt besonders für Kopfarbeiter.

Denn auch Geistesblitze und Schöpferkraft werden mit Dopamin belohnt. Dies führt zu einer weiteren Aktivierung des Gehirns, zum Mehr-machen-Wollen, zum Aufbau von Millionen von Hochleistungsneuronen und zu einer stärkeren Vernetzung der Lerninhalte. „Herausforderungen beflügeln“, sagt der Volksmund so trefflich. Ein Mangel an Herausforderung hingegen lässt selbst die Talente der Besten veröden.

Unternehmen, die von ihren Mitarbeitern Großes wollen, versorgen sie also am besten mit derartigen Kicks. Sie fordern viel und bringen ihre Mitarbeiter dazu, sich selbst zu übertreffen. Drohkulissen, entseelte Arbeit und anhaltende Frustration hingegen sorgen dafür, dass Menschen ihren Ehrgeiz verlieren, weil die Dopamin-Produktion verebbt.

Was ist der wahre Daseinssinn eines Mitarbeiters?

Nur wer frei ist, kann sich voll entfalten. Wer sich hingegen überfahren oder in eine Statistenrolle gedrängt fühlt, reagiert darauf mit einem lähmenden Ohnmachtsgefühl. Ohnmächtig, also fremdbestimmt und ohne Macht zu sein, das macht uns ganz klein. Hingegen blühen die Menschen auf und beginnen, eigenverantwortlich zu handeln, wenn man ihnen Spiel-Raum im wahrsten Sinne des Wortes gibt. Die wichtigste Frage im Kontext der Mitarbeiterentwicklung ist also diese: Was ist der Daseinssinn eines Mitarbeiters und das Warum seiner Funktion oder Stelle?

„Jeder Mensch möchte genau wissen, was sein Beitrag zur Verbesserung der Welt ist“, sagt Uwe Raschke, Geschäftsführer der Robert Bosch GmbH in einem Interview auf changeX. „Das klingt zwar sehr hochtrabend. Aber letztendlich merken wir, dass es sehr vielen Mitarbeitern nicht darum geht, ob wir ein um einen Prozentpunkt besseres Ergebnis erzielen oder um sieben statt sechs Prozent wachsen. Sondern viele Mitarbeiter interessiert eigentlich nur eines: Was ist mein Beitrag in meiner beruflichen Tätigkeit zur Verbesserung der Welt und der Lebensbedingungen von Menschen?“

Vor allem talentierte Millennials verlangt es nach Sinn. Sie wollen Selbstwirksamkeit spüren und nicht zum Spielball Dritter werden. Sie wollen Spuren hinterlassen und Teil von etwas Bedeutsamem sein. Und wenn ein Arbeitgeber das nicht bietet? Als erstes werden die Guten, die Wertvollen und die Innovatoren aus solcher Umgebung migrieren, um sich auf die Suche nach einem Arbeitsort mit mehr Sinn, mehr Freiheit und mehr Arbeitsfreude zu machen.


Dies ist ein Ausschnitt aus dem neuen Buch von Anne Schüller: Die Orbit-Organisation – In 9 Schritten zum Unternehmensmodell für die digitale Zukunft

 

Anne M. Schüller ist Managementdenker, Keynote-Speaker, mehrfach preisgekrönte Bestsellerautorin und Businesscoach. Die Diplom-Betriebswirtin gilt als führende Expertin für das Touchpoint Management und eine kundenfokussierte Unternehmensführung. Sie zählt zu den gefragtesten Rednern im deutschsprachigen Raum. 2015 wurde sie für ihr Lebenswerk in die Hall of Fame der German Speakers Association aufgenommen. Vom Business-Netzwerk LinkedIn wurde sie zur Top-Voice 2017/2018 und vom Business-Netzwerk XING zum XING-Spitzenwriter 2018 gekürt. Zu ihrem Kundenkreis zählt die Elite der Wirtschaft. Ihr Touchpoint Institut bildet zertifizierte Touchpoint Manager aus. Kontakt über: www.anneschueller.de